Armut in Deutschland, leben von und mit Hartz IV

Armut in Deutschland, leben von und mit Hartz IV, Fotograf, Steffen Diemer, Mannheim

Michail Krausnick und Jürgen Enders beschreiben 1980 in ihrem Jugendbuch
„Für die biste doch der letzte Dreck!“ das Leben von Jugendlichen in einer Notunterkunft für
wohnungslose Menschen in Mannheim. Im Vorwort kritisiert Krausnick die Existenz solcher Siedlungen: „Sie sind eine Schande, die sich die drittgrößte Industrienation der Erde auf keinen Fall leisten dürfte.“ Die Autoren schildern die Lebensverhältnisse der
Menschen, die in „Baracken“, isoliert und ausgeschlossen, am Rande der Gesellschaft
leben. Fast 30 Jahre später: Ein Blick in die Notunterkünfte der Bayreuther Straße in Ludwigshafen am Rhein. Wer zum ersten Mal die Bayreuther Straße betritt, fühlt sich wie in einer anderen Welt.

Die Häuser sehen heruntergekommen aus und sind stark renovierungsbedürftig. Es ist schwer vorstellbar, dass Menschen dort seit Jahren unter solchen Bedingungen leben. Wer hier wohnt hat in Ludwigshafen eine minimale Chance einen Job zu finden oder eine neue Wohnung. Die räumliche Ausgrenzung verbindet sich mit so vielen Prozessen der sozialen Ausgrenzung in anderen Bereichen. Seit über 8 Jahren dokumentieren ich das Leben der Menschen in der  Bayreuther Straße. Zu einigen Bewohnern haben sich im Laufe der Jahre  enge Bindungen entwickelt. Ich muss oft machtlos, den durch Alkohol und Drogen fortschreiten körperlichen Verfall vieler Bewohner beobachten. Einige von ihnen fotografierte ich vor 8 Jahren die nun nicht mehr leben. Andere starben schon im Alter von 34 und haben sich buchstäblich totgesoffen! Auch ein Produkt der sozialen Ausgrenzung. Es ist ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist. So finden junge Menschen keinen Ausbildungsplatz wegen ihrer Adresse Bayreuther Straße!


Hoffnungslosigkeit Alkohol, Drogen, Drogenkriminalität, Gefängnis, und dann alles wieder von vorne. Friedrich Engels schrieb im Jahre 1876 bereits: Oft freilich wohnt die Armut in versteckten Gässchen dicht neben Palästen der Reichen; aber im allgemeinen hat man ihr ein apartes Gebiet angewiesen, wo sie, aus den Augen der glücklicheren Klassen verbannt,sich mit sich selbst durchschlagen mag, so gut es geht.“ Die Tragödie der Menschen finde ich  vor meiner Tür.  Ein Freund von mir ist Streetworker und er erzählte mir vor Jahren von diesem Menschen. Seit dieser Zeit gehe ich regelmäßig in die Bayreuther Straße, um das tägliche Leben als auch die persönlichen Schicksale der bewohner zu dokumentieren. Armut in Deutschland, Hartz IV, Steffen Diemer, Reportage, Fotograf Mannheim


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